Die Politik Jesu Download file
Willi Haller, Aldingen
Willi Haller ist kein Theologe sondern in der Industrie tätig. Im Rahmen seines Engagements für den Versöhnungsbund halt er auch zu theologischen Themen Vortrage. In nachfolgendem Vortrag setzt er sich kritisch mit einigen Aussagen aus wub 4/83 auseinander, die die Frage der Macht betreffen. Gewalt und Machtlosigkeit gehören für ihn zusammen. Wir hoffen, daß seine Aussagen zur Stellungnahme herausfordern und so eine Diskussion über diese wichtige Frage entstehen kann.
Der Umgang mit der historischen Figur des Jesus von Nazareth ist auch heute noch ein ziemlich problematisches Unterfangen. Für die einen, die frommen Christen, ist die religiöse oder spirituelle Dimension seines Lebens und seiner Lehre so überwältigend, daß der allgemein-menschliche und politische Aspekt völlig in den Hintergrund tritt und zumeist gar nicht wahrgenommen oder gar geleugnet wird. Für die anderen, die nichts mit der spirituellen Dimension anzufangen wissen, erscheint eine Beschäftigung mit diesem Jesus wenig ergiebig. Was soll das Leben eines Menschen, eines idealistischen jüdischen Zimmermanns, der vor bald zweitausend Jahren wie viele andere vor und nach ihm von der Besatzungsmacht hingerichtet wurde, für uns heute noch von Bedeutung sein?
Und doch ist die Beschäftigung mit diesem Menschen der Mühe wert, auch wenn man, wie wir dies heute tun wollen, dabei um des Themas willen die religiöse oder spirituelle Dimension vernachlässigt.
Das ist allerdings nicht ganz einfach, weil im Judentum der Bibel Religion und Politik immer untrennbar miteinander verbunden waren. Die großen Propheten waren immer auch die großen Kritiker der Innen- und Außenpolitik ihrer Zeit, offensichtlich häufig die einzige Opposition. Die schizophrene Spaltung von Religion und Politik blieb dem Christentum vorbehalten, das die Religion auf das Jenseits ausrichtete und sich der Verantwortung für das Diesseits weitgehend entzog.
Wir Christen haben es uns jahrelang zu einfach gemacht, indem wir Leben und Lehre Jesu nur eine religiöse Dimension zugestanden, von der allenfalls im privaten Bereich Auswirkungen erwartet wurden. Insgeheim haben wir ziemlich überheblich über die uneinsichtigen Juden seiner Zeit gelächelt, weil wir glaubten, Jesus habe auf eine politische Frage und Herausforderung eine religiös-spirituelle Antwort gegeben, während er, wie wir sehen werden, auf eine religiöse und politische Frage eine religiöse und politische Antwort lieferte, deren politische Dimension von uns aber genau so wie von seinen Zeitgenossen nicht ernst genommen wird, ja wir weigern uns sogar, sie wahr zu nehmen.
Situation zur Zeit Jesu
Versuchen wir einmal, die Situation zu rekonstruieren die Jesus vorfand, als er mit dem zunächst aus verständlichen Gründen geheimgehaltenen Anspruch auftrat, der erwartete Messias zu sein, also der priesterliche König, der Israel erlösen würde und mit dem erlösten Israel, dem Gottesvolk, die Aufgabe übernehmen würde, den Weltstämmen das Licht zu bringen, um die Freiheit Gottes, seinen Frieden und seine Gerechtigkeit »bis an den Rand des Erdkreises« zu verbreiten.
Er fand ein politisches System vor. das Römische Weltreich, das in Kollaboration mit der Oberschicht des Landes seine Prinzipien durchgesetzt hatte: Macht, Herrschaft, Gewalt. Zwang. Ausbeutung. Unterdrückung, um nur einige Begriffe zu nennen, die damals wie heute den Imperialismus charakterisieren.
Das sind Prinzipien, die Punkt für Punkt das exakte Gegenteil dessen darstellen, was die jüdischen Überlieferungen als Ideal einer Gottesherrschaft und einer von Menschenherrschaft freien Gesellschaft übermittelt hatten, ein Ideal, das die Begriffe Freiheit, Barmherzigkeit. Gerechtigkeit, Frieden, geprägt hatte, und das ich unter Anlehnung an Hugh J. Schonfield als Messianismus bezeichnen möchte, dem Gegenteil von Imperialismus.
Die Herausforderung, die sich Jesus stellte, bestand darin, nicht den Teufel mit Beelzebub auszutreiben - darauf zielten die Zeloten ab - also Imperialismus mit Imperialismus zu bekämpfen, sondern einen Weg aufzuzeigen, wie der Imperialismus überwunden und der Messianismus an seine Stelle treten könnte. Jesus stellte sich dieser Herausforderung und fand offensichtlich, aufbauend auf den Überlieferungen seines Volkes, eine Antwort, die nicht nur damals und dort sondern auch heute und hier und überall auf der Welt Gültigkeit hat und wohl der einzige Weg ist, Schritt für Schritt die erste Bitte Jesu im Vaterunser »Dein Reich komme« zu erfüllen, die Dominanz imperialistischer Prinzipien in unserer Welt aufzuweichen (beginnend mit unseren Herzen) und der großen Utopie einer herrschaftsfreien Gemeinschaft aller Menschen und aller Kreatur auf dieser Erde näher zu kommen.
Jesus durchschaute die Gefahren der Macht. Er widerstand der Versuchung »Ich will dir die Macht über alle diese Reiche in ihrer ganzen Größe und Schönheit geben,« und formulierte und lebte eine Politik nicht nur der Gewaltlosigkeit sondern auch der bewußten Machtlosigkeit. Wie sehr er sich dabei der politischen Wirklichkeit seiner Zeit stellte und sich mit ihr auseinandersetzte, lassen die nachstehenden Zitate erkennen, die ihm zugeschrieben werden:
Wer dich auf die rechte Wange schlägt dem halle auch die andere hin, und wer mit dir einen Rechtsstreit anfangen und dir den Rock nehmen will, dem überlaß auch noch den Mantel, und wer dich zu einer Meile Wegs nötigt, mit dem gehe zwei.
Drei Bilder mit derselben Antwort die durch die mehrfache Wiederholung zentrale Bedeutung gewinnt: Widersteht dem Bösen nicht, sondern verwandelt das Böse durch das Gute. Der Betroffene beugt sich dem Zwang, aber nicht zähneknirschend, den Zorn her unterschluckend. Er erkennt in dem anderen einen Bruder. der in die Irre geht, der durch die Verletzung der Wurde des Unterdrückten seine eigene Würde verliert. Besonders deutlich was dies am letzten Bild, das konkret auf eine alltägliche Situation seinerzeit einging und das bedauerlicherweise in modernen Übersetzungen durch Verlust des historischen Bezugs entstehen wurde:
Das jüdische Volk wurde von der Besatzungsmacht zu Frondiensten herangezogen Einer dieser Frondienste bestand dann auf Anforderung jedem Mitglied der Besatzungsmacht sein Gepäck für die Strecke einer Meile zu tragen. Es wurde unter den freiheitsliebenden Juden sicher heftig discutiert wie man zu dieser Forderung stehen müsse Jesus gibt eine bis heute provozierende Antwort: weder gewaltsamer noch gewaltfreier Widerstand wird empfohlen, sondern die scheinbare aber aktive und positive Unterwerfung aktiv und positiv durch den freiwilligen zweiten Schritt über die Hinnahme der Kränkung hinaus. Die erste Meile erzwingt der Unterdrücker und macht den anderen zum Unterdrückten. Die zweite Meile sollte das verstehende und verzeihende Geschenk eines Freien an einen Freien sein.
Ich frage mich, wo und wie wir in der Frage der sogenannten Nachrüstung die andere Backe hinhalten und die zweite Meile gehen könnten
Auch der harmlos, weil weichlich-sanft Klingende Satz aus der sogenannten Bergpredigt,
Selig sind die Sanftmütigen
denn sie werden das Erdreich besitzen,
stand nicht beziehungslos Raum, wie es vielleicht den Anschein hat Es war vielleicht eher eine klare Antwort auf die Frage die wohl vor allem von den Zeloten kam, ob denn die Römer auf ewig »das Erdreich besitzen würden«, oder eben, auf welche Weise der Unterdrückung ein Ende gesetzt werden könnte. Eine klare Absage an die Befürworter der Gewalt, aber wohl auch an alle Ansprüche auf Macht, Herrschaft und Besitz. Denn er meinte wohl: »Die Erde wird denen anvertraut werden, die nicht danach gestrebt haben.«
Indifferenz der Macht gegenüber
In Sachen Gewalt beginnen wir ja nun endlich klar zu sehen Die Zahl denen die aus der jüdisch-christlichen Überlieferung eine Rechtfertigung der Gewalt und der Androhung der Gewalt ableiten, wird geringer, auch wenn sich die Großkirchen, wie an der Frage des Rüstungswahnsinns sichtbar wird, immer noch schwer tun. eindeutig eine jesuanische Politik zu vertreten Aber sie sind wenigstens heute schon gespalten und reiten nicht mehr alle ohne nachzudenken auf dem imperialistischen Pferd. In der Frage der Gewalt lichtet sich also das Gewölk. Wir sind aber noch immer seltsam indifferent der Macht gegenüber, obwohl doch die Macht die Mutter der Gewalt ist. So schreibt beispielsweise Prof. Dr. Theodor Ebert, einer der großen Befürworter der Gewaltlosigkeit in Heft 4/83 von wub: »Ein schöner Erfolg ist jedoch, daß die meisten Gruppen in der Friedens- und Ökologiebewegung begriffen haben, daß die gewaltfreie Aktion ein außerordentliches Instrumentarium darstellt. mit dem sich Macht entwickeln läßt.« In demselben Heft schreibt Dietmar Böhm: »So müßte zum Beispiel genau diese Frage: 'Wie halte ich es, als Christ, mit den Massenverrnichtungswaffen' bei den Kirchengemeinderatswahlen im Dezember in Württemberg eine entscheidende Rolle spielen. Hier können wir Umkehr zum Leben praktizieren, indem wir nur Kandidaten und Kandidatinnen wählen, die NEIN zu allen Massenvernichtungswaffen sagen. Diese Wahl ebenfalls zur Abstimmung für das Leben zu machen, würde die konsequente Fortsetzung des Kirchentagsmottos bedeuten.«
Wir sind gedankenlos dabei, neuen Wein in alte Schläuche zu gießen. Wir begreifen nicht, daß die angestrebte Umkehr zum Leben sich nicht auf dem Weg der Machtergreifung erreichen läßt, auch wenn dieser Weg in bescheidenem Gewand in den Kirchengemeinderäten begonnen wird!
Jesus schafft auch in der Machtfrage klare Verhältnisse. Sie stand nicht nur am Anfang seines Wirkens, sie war auch zentrale Aussage. Licht und Salz braucht weder die Macht des Diktators noch die Macht der demokratischen Mehrheit ganz im Gegenteil: Zu viel Licht wäre unerträglich, zu viel Salz ungenießbar. Jesus stellt also die realistisch-bedauernde Einsicht des alten Testaments, daß eben nur eine Minderheit, ein Rest zur Umkehr fähig sei, auf den Kopf: Es braucht nur eine Minderheit, aber sie muß brennen, zur Hingabe bereit sein. Und wir glauben, wir könnten uns das ersparen, indem wir um Macht und Mehrheiten kämpfen.
Die Machtfrage ist schließlich auch zentrales Thema am letzten Abend mit seinen Jüngern. Seine Aussagen zu diesem Punkt werden unterstrichen durch die symbolische Handlung der Fußwaschung, die, wie die Reaktion von Petrus zeigt, vom Standesunterschied her unerhört war. Die Bedeutung der Aussagen wird also nachdrücklich unterstrichen. Sie erhalten den Charakter eines Vermächtnisses von entscheidender Bedeutung, eines Vermächtnisses, das gradlinig eine Verbindung schafft zwischen der großen Versuchungsgeschichte am Anfang und dem Kreuz am Ende seines Wirkens. Das Leben und die Lehre Jesu kann nicht anders als eine klare Absage an jedes Streben nach Macht auch und gerade im Bereich der Politik gesehen werden. Sehen wir uns den letzten Abend mit seinen Jüngern daraufhin noch einmal an: Matthäus unterschlägt die Fußwaschung und die dazu gehörigen Aussagen. Vielleicht wußte er nichts davon: vielleicht paßt sie ihm zu wenig in sein Bild von Jesus als dem König, das bereits bei seiner Geburtstagsgeschichte gezeichnet wird und das in der Bergpredigt gipfelt, wo er Jesus als zweiten Mose darstellt, der dem neuen Bund sein Grundgesetz, dem Gottesvolk also eine neue Verfassung gibt.
Auch Markus weiß nichts davon, aber Lukas schreibt: »Die Könige der Welt unterdrücken ihre Völker, und die Tyrannen lassen sich »Wohltäter des Volkes« nennen. Bei euch muß es anders sein. Der Höchste unter euch muß wie der Niederste sein und der Führende wie der Untergebene.«
Johannes beginnt mit der Fußwaschung und läßt Jesus sagen: »Ich bin euer Herr und Lehrer, und doch habe ich euch eben die Füße gewaschen. Von jetzt an sollt ihr euch gegenseitig die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe. Ich sage euch, ein Diener ist nicht größer als ein Herr.«
Wie kommt er zu dieser rigorosen Ablehnung der Macht. Wie soll in völliger Machtlosigkeit die Welt verändert werden, wie soll das Gottesvolk ohne Macht seine Aufgabe erfüllen, den Völkern der Welt ein Licht zu sein, daß meine Freiheit werde bis an den Rand des Erdkreises?
Jesus weiß, wie wir heute alle wissen sollten, daß eine wirkliche Veränderung durch das Streben nach Macht und Mehrheiten nicht zu erreichen ist, jedenfalls keine Veränderung, die Bestand hat. Druck erzeugt Gegendruck, und bei jedem Machtwechsel wartet die Reaktion nur auf die nächste Veränderung der Macht- und Mehrheitsverhältnisse, weil keine Veränderung der Herzen stattgefunden hat. Und diejenigen, die selbst mit den besten Absichten an die Macht gelangen wollen und vielleicht schließlich auch gelangen, korrumpieren sich.
Ist das nicht ein wenig überzeichnet? Gibt es nicht auch durchaus wohlwollende Machthaber, wo weder die Führer noch die Geführten »versklavt« werden?
Dialogisches Prinzip bei Buber
Die Problematik der Machtfrage läßt sich vielleicht am ehesten am dialogischen Prinzip von Martin Buber darstellen. Dieses Prinzip besagt in groben Zügen, daß der Mensch auf das Du hin angelegt ist, ja, daß der den Dialog zur Menschwerdung braucht. Die Begegnung mit dem Du findet statt, wenn ich den anderen in seinem Anders sein als ein mir gegenüber stehendes gleichwertiges Subjekt wahr-nehme und annehme. Wenn ich aber den anderen in seinem Anders sein annehme und der Versuchung widerstehe, ihn »mit allen Mitteln« von der Richtigkeit meiner Überzeugung »zu überzeugen« wenn ich mit dem Rabbi Nachman daran festhalte, auf dem Weg des Dienstes den anderen in Freiheit seinen eigenen Weg gehen zu lassen, so wie Gott uns die Freiheit gibt, unseren Weg zu gehen, dann entstehen häufig aus unterschiedlichen Auffassungen enorme Spannungen, die als Schmerz und Leid spürbar werden. Unsere Schmerzscheu verführt uns nun dazu, den Dialog abzubrechen (oder gar nicht erst zu suchen) und dem anderen mit allen Mitteln - im politischen Leben bis hin zur physischen Vernichtung - meine Überzeugung aufzuzwingen.
Wir versuchen, die Oberhand zu gewinnen. Mehrheit und Macht zu haben, um unsere Vorstellungen ohne den mühseligen und langwierigen und schmerzhaften Prozess des Dialogs durchsetzen zu können. Das führt aber dazu, daß der anders denkende seinen Status als »Du« verliert und zum »Es«, zum Objekt, wird, das wenn ich die Oberhand gewinne fremdbestimmt wird. Kollektiv betrachtet entstehen Oligarchien, Parteien und Fraktionen. Der Dialog wird auf die Fraktion, die Gruppe der Gleichgesinnten, beschränkt, innerhalb der keine Spannung, die fruchtbar werden könnte, besteht. Zwischen den Fraktionen (oder Parteien) finden nur noch Monologe statt. Es werden Schaufensterreden gehalten; der Dialog fehlt; der Prozess der Menschwerdung ist blockiert. Da aber der Mensch auf den Dialog hin angelegt ist, wird sein Fehlen als Mangel empfunden, wenn auch zumeist unbewußt. Es wird dann versucht, diesen Mangel durch Machtgewinn zu kompensieren (hier liegt der Suchtcharakter, von dem Burkhardt spricht), wodurch auch die Zahl der Menschen innerhalb einer Fraktion, mit denen der Dialog geführt und ausgehalten wird, immer kleiner wird. Im Extremfall - am Beispiel Stalin am klarsten sichtbar - kommt es zur völligen Isolierung und Vereinsamung mit Verfolgungswahn als Dreingabe.
Eine Veränderung, die Bestand hat, ist also nur über die bedingungslose Bereitschaft zum Dialog, also durch Hingabe, möglich, wie die Beispiele Jesu vom Licht, das sich verzehrt, und dem Salz, das sich auflöst, klar zeigen. Die Überwindung der Schmerzscheu und die Annahme des Leids als einzigem Weg, um die Spannung, die sich aus den Gegensätzen ergibt, fruchtbar werden zu lassen, ist bei Jesus deutlich ausgedrückt und wird in neuerer Zeit auch von Gandhi unmißverständlich formuliert.
Jeder Versuch, auf dem Wege der Macht etwas zu erreichen, auf dem parlamentarischen Weg vom Kirchengemeinderat bis hin zum Bundestag oder über die außerparlamentarische Mobilisierung von Massen, in der Friedensbewegung oder anderswo, ist deshalb zwar ein durchaus legitimer Versuch der Veränderung, hat aber mit jesuanischer Politik, mit dem Versuch Nachfolge Jesu, nichts zu tun. Auf dem Wege der Macht wird der anders denkende ausgegliedert, zum Gegner. Man schließt sich in möglichst wachsender Zahl gegen ihn zusammen. Bei Jesus wird der anders denkende einbezogen, wahr-genommen, angenommen, auch wenn er seine Macht mißbraucht. Er wird zum Nächsten, für den ich mitverantwortlich bin.
Beginn mit der Selbstverpflichtung
Der jesuanische Weg geht über die Selbstverpflichtung und beginnt mit dem Bemühen »den Balken aus dem eigenen Auge zu entfernen.« Bei Martin Buber heißt es: Der archimedische Punkt für die Veränderung der Welt ist die Veränderung seiner selbst.
Dieser Weg beginnt mit der Selbstverpflichtung und kehrt immer wieder zur Selbstverpflichtung zurück, bedeutet doch die nicht eintretende Veränderung, daß wir immer noch nicht ausreichend zu Salz und Licht geworden sind, es müßte ja sonst hell werden in der Finsternis. Sicher lag darin auch die Tragik Jesu und seine innere Not. Er mußte erleben, daß die gepredigte Umkehr nicht vollzogen wurde, und so sah er die große Katastrophe heraufziehen.
Er weinte über Jerusalem, weil er erkannte, daß der Untergang der Stadt unausweichlich geworden war. Die Menschen waren damals wie heute nicht bereit, den Weg der Macht und der Gewalt aufzugeben und den Weg der Liebe und des Dienstes zu suchen. Auch sein Opfertod löste die Umkehr nicht aus, damals wie heute. Schon wenige Jahrzehnte nach seinem Tod kam es zum großen Aufstand, der mit der Zerstörung Jerusalems und der Vernichtung des Großteils der Bevölkerung endete, und auch seither wurde unzählige Male, häufig sogar ausdrücklich in seinem Namen, Mensch und Natur Gewalt angetan.
Vordergründig und politisch betrachtet war sein Tod nur die letzte Konsequenz seines Lebens und seiner Lehre, ein Tod, der ihn einreihte in die Reihe der großen Gescheiterten, die doch mehr als alle Erfolgreichen nachhaltig die Welt veränderten, weil sie Wege aufgezeigt hatten und gegangen waren, die über die Jahrhunderte hinweg die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nährten.
Erfüllung der messianischen Aufgabe steht noch aus
Die noch größere Tragik seines Lebens und dessen Bedeutung für die Entwicklung der Menschheit liegt darin, daß sein Hauptziel, das Gottesvolk auf den Weg der Erfüllung seiner messianischen Aufgabe für die ganze Menschheit zu bringen, in Ansätzen hängengeblieben ist. Damals wie heute können die Völker dieser Welt, unsere Nationalstaaten, aus ihrer heillosen Verirrung im Gestrüpp des Imperialismus nur herausfinden, jedenfalls für den, der die jüdisch-christliche Überlieferung der Bibel ernst nimmt, wenn ihnen das Gottesvolk, oder nicht religiös ausgedrückt, eine autonome, assoziative universale Gemeinschaft von Menschen die Verwirklichung der Politik Jesu konkret vorlebt.
Um dieses konkrete Vorleben, individuell und kollektiv, geht es. Das ist es, was die Bilder vom Salz und vom Licht, von der Stadt auf dem Berge meinen. Aus der Selbstverpflichtung muß das Beispiel erwachsen Und das nachahmenswerte Beispiel ist es, was im Messianismus als Träger und Auslöser der Veränderung an die Stelle der einsamen Beschlüsse der starken Männer der Politik oder der Mehrheitsbeschlüsse der Machthaber im Imperialismus tritt. Der Mehrheitsbeschluß laßt nur die Unterwerfung der Minderheit zu; das Beispiel dagegen öffnet den Weg für jedermann, sich in Freiheit und unter Wahrung der eigenen Würde für oder gegen den Nachvollzug zu entscheiden. Diese Freiheit ist eines der zentralen Anliegen der Bibel.
Es geht also darum, die Politik Jesu im Kleinen wie im Großen, individuell wie kollektiv, Schritt für Schritt in die Wirklichkeit umzusetzen. Wir brauchen dafür nicht auf Wunder zu warten. Die Aufgabe liegt greifbar vor uns. und niemand und nichts außer unserer eigenen Trägheit hindert uns daran, damit anzufangen
Literatur:
Hugh J Schonfield: Die Politik Gottes Mondcivitaner Verlag, Aldingen
Marlin Buber Das Dialogische Prinzip Lambert Schneider, Heidelberg